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Es gibt im Leben nur drei Tage:
das Gestern, das Heute und das Morgen.
Und nur an einem davon,
kannst du etwas bewirken.
(Zen-Weisheit)

Spindel, Maß und Schere

Es war einmal ein Ritter, der aus einer siegreichen Schlacht heimgekehrt war. Er saß auf der Bank vor seines Vaters Haus und drehte Däumchen, denn der Krieg war vorbei und es gab nichts für ihn zu tun.

Da ritt er auf allerlei Turniere, gewann dort sogar viele Preise, aber die Wettkämpfe waren ihm nicht genug.  

Und so ritt er zu allerlei Festen und Bällen, eroberte dort sogar die Herzen der Damen, aber das Tanzen und Lachen war ihm nicht genug.

Zuletzt ritt er auf allerlei Märkte, verdiente dort sogar einige Säckel Gold, aber Handel zu treiben, war ihm nicht genug.

Da dachte er bei sich: Ich will ein Weiser werden und ritt durch allerlei Lande, aber die Weisheiten, die er dort fand, waren ihm nicht genug.

Eines Tages kam er an eine Furt und sah dort ein altes Weiblein sitzen, das sagte: „Ach, ich bin zu alt, um über den Fluss zu gelangen!“

Da sprach der Ritter: „Mein Ross und ich sind jung und stark!“ Er hob die Alte vor sich aufs Pferd und brachte sie sicher ans andere Ufer.

Dort angekommen sagte das Weiblein: „Jetzt muss ich tief in den Wald, aber ach, ich bin zu alt, um so weit zu laufen!“

Da sprach der Ritter: „Mein Ross und ich sind jung und stark!“ Und er ritt mit der Alten tief in den Wald hinein, bis sie auf eine Lichtung kamen, auf der eine hölzerne Hütte und ein Apfelbaum standen.

Und das Weiblein sagte: „Ich muss Äpfel pflücken, aber ach, ich bin zu alt, um an die Zweige zu reichen!“

Da stieg der Ritter von seinem Ross und pflückte der Alten alle Äpfel vom Baum.

Das Weiblein bedankte sich sehr für seine Hilfe. Sie schenkte dem Ritter drei Äpfel, von denen einer aus Gold war, und sprach: „Wenn du einmal in Not gerätst, dann sollen sie dir dienlich sein!“
Dann verschwand die Alte in ihrer Hütte. Der Ritter barg die Äpfel in seinen Taschen und ritt noch tiefer in den Wald hinein.

Endlich kam er auf eine Lichtung, an deren Rand die Sonne golden durch die Blätter der Bäume strahlte und in deren Mitte über dem taunassen Gras ein silberner Nebelschleier lag. Inmitten der Lichtung aber stand ein Haus aus Stein. Neugierig saß der Ritter ab, ließ sein Pferd grasen, und trat ins Haus.

Drinnen, in der Stube, saßen drei Frauen. Die erste spann einen Faden, die zweite maß die Länge des Fadens und die dritte schnitt den Faden ab.

Die Erste sagte: „Willkommen Ritter!“

Die Zweite sagte: „Ihr seid am Ziel Eurer Reise …“

Und die Dritte sagte: „… denn hier werdet Ihr zum Weisen werden.“

Der Ritter schaute ihnen eine Weile zu und wunderte sich, denn all die abgeschnittenen Fäden lagen achtlos auf dem Boden.
Da sprach er: „Liebe Damen, was könnt Ihr mir an Weisheit bieten, wo Ihr doch sinnlos spinnt und messt und Fäden abschneidet?“

Da antworteten die Frauen: „Jeder Faden ist ein Leben. Eine von uns spinnt das Leben, die zweite misst die Länge des Lebens und die Dritte schneidet es am Ende ab.“

„Und dieser Faden“, sagte schließlich die Dritte, „ist Euer Lebensfaden.“ Und schon setzte sie ihre große Schere an und wollte den Faden abschneiden.

„Halt!“ rief der Ritter voller Angst. „Ich habe mein Leben doch noch gar nicht ganz gelebt!“

Und da besann er sich auf die drei Äpfel. Er nahm einen davon und reichte ihn der Spinnerin. Die bedankte sich und sagte: „Trotzdem kann ich Euer Leben nicht neu spinnen. Es ist geschehen.“

Da reichte der Ritter der mittleren Frau den zweiten Apfel. Die bedankte sich und sagte: „Trotzdem kann ich Euer Leben nicht länger bemessen. Es ist geschehen.“

Voller Angst reichte der Ritter seinen goldenen Apfel der Frau mit der Schere.

„Seht“, rief diese, „er hat die Äpfel von unserem Mütterlein!“

Da warfen alle drei ihre Spindel, ihr Maß und ihre Schere auf den Ritter und er fiel zu Boden und ehe er sich versah, fand er sich auf der Bank vor dem Haus seines Vaters wieder.

 

 

Widum woanders