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Klopfe an den Himmel
und dann höre auf den Klang.
(Zen-Weisheit)

Die singenden Blumen

Es war einmal eine Stadt, die war ganz aus Marmor erbaut und sie war reich und schön und wuchs und wuchs. Eines Tages sprach der König, der in dieser Stadt wohnte, zu seinem einzigen Sohn: „Prinz, unsere schöne Stadt ist so groß geworden, dass wir mehr Marmor abbauen müssen. Geh und reise durch unser Land, damit du neues Marmorgestein findest.“

Und der Prinz machte sich auf die Reise. Er fuhr hierhin und dorthin und schließlich kam er an einen Berg aus feinstem, weißen Marmor. 'Ich will einmal auf den Berg steigen', dachte sich der Prinz, 'und mir von dort oben das Land anschauen'.

Oben auf dem Berg aber fand er einen seltsamen Garten. Es wuchs dort nur eine einzige Pflanzenart. Der Prinz wunderte sich, denn solche Pflanzen kannte er nicht. Sie waren hoch und grün und sonst in keiner Weise besonders.

Als aber die Sonne unterging, da öffneten sich an allen grünen Stängeln große, wunderschöne goldene Blüten. Ein Meer von Gold leuchtete im allerletzten Licht des Tages und als es ganz dunkel geworden war, leuchteten die Blüten noch immer.

Der Prinz war ganz verzaubert von dem Anblick, doch es war noch nicht genug, denn als der letzte Sonnenstrahl verloschen war, begannen die Blüten zu klingen und zu singen. Und der Gesang war das Schönste, was der Prinz je gehört hatte und berührte sein Herz so tief, dass er nie mehr ohne diese Blumen leben mochte.

Und so blieb er Tag um Tag auf dem Marmorberg und wartete sehnsüchtig auf den Abend und den lieblichen Gesang. Er blieb den ganzen Sommer. Und als der Herbst kam und die Pflanzen verblühten, da war dem Prinzen, als würde auch sein Herz verblühen. Und er nahm von den Pflanzen Samen ab, tat sie in ein Säcklein und machte sich auf den Weg zurück nach Hause.

Dort brachte er dem Vater die Kunde vom Marmorberg und ging dann sogleich in den Schlossgarten, um seine Saat auszubringen. Und siehe da, die Saat fing sofort an zu treiben und zu wachsen und schon vor dem Winter zu grünen.

Der Prinz hegte und pflegte seinen Garten und freute sich über jedes Pflänzchen und wachte darüber, wie über das Liebste, was er hatte.

Nun waren aber sieben Schwestern in der Stadt sehr erzürnt, denn sie waren schön und reich und hatten fest erwartet, dass der Prinz eine von ihnen zur Frau nehmen würde. Er hatte ihnen auch oft seine Aufwartung gemacht, mit ihnen gescherzt und gelacht und ihnen alle Hoffnung gemacht.

Aber seit er von seiner Reise zurückgekehrt war, hatte er nur noch Augen für seinen seltsamen Garten.

„Damit muss es etwas auf sich haben“, sagte die älteste Schwester. „Wir wollen diesen Garten beobachten, bis wir es herausbekommen haben.“
Der Prinz aber ahnte nichts und fieberte dem Frühling entgegen.

Als endlich die Tage länger und wärmer wurden, da wuchsen seine Pflanzen schnell in die Höhe und bildeten die ersten Knospen. Voller Erwartung verbrachte der Prinz jeden Abend in seinem Garten und schon bald öffneten sich in der Dämmerung die schönsten Blüten und begannen zu klingen und zu singen.

Der Prinz war so von Freude erfüllt, dass ihm die Tränen kamen. Und als eine seiner Tränen auf eine goldene Blüte fiel, da stieg daraus auf einmal das schönste Mädchen hervor, das die Welt je gesehen hatte. Und es war ihre Stimme, die da sang.

Da war es ganz und gar um das Herz des Prinzen geschehen und er bat das Mädchen, seine Frau zu werden. Sie reichte ihm ihre zarte Hand und stimmte freudig zu.
All dies hatten aber die eifersüchtigen Schwestern beobachtet. Wütend liefen sie nach Hause und schmiedeten einen bösen Plan.

Der Prinz und seine Braut aber traten voller glücklicher Erwartung vor den König und baten um seinen Segen. Der freute sich sehr, denn es war schon lange an der Zeit, dass der Prinz eine zukünftige Königin heimführte.

So wurden dann alle Vorbereitungen für eine prächtige Hochzeit getroffen.

Umso eiliger setzen die bösen Schwestern ihre Ränke um. Sie gruben in ihrem Garten eine tiefe Grube und warteten, bis der Prinz mit einer feinen Gesellschaft auf der Jagd war. Dann liefen sie heimlich zu seinem Garten, ergriffen seine Braut, rissen alle Pflanzen aus und warfen sie mitsamt dem Mädchen in die Grube. Sie schaufelten die ausgehobene Erde darüber, bis es aussah, als wäre nichts geschehen.

Als der Prinz von der Jagd zurückkehrte und in seinen Garten eilte, stockte sein Herz, als er nichts als eine Wüste vorfand. Er lief hierhin und dorthin und rief nach seiner Geliebten, aber alles blieb tot und still. Er grub er in der Erde des Gartens, fand aber keinen einzigen Samen der wundervollen Pflanzen. Er ließ die ganze Stadt nach seiner Braut absuchen, aber sein Mädchen wurde nirgends gefunden.

Da machte sich der Prinz auf zu der Stätte, wo er einst die wundersamen Blumen gefunden hatte. Aber der Marmorberg war längst abgebaut und es war kein Same mehr von den Blumen zu finden. Da brach des Prinzen Herz und es war ihm alles im Leben gleich.

Als er heimkehrte, sagte der König: „Prinz, du musst dir nun eine andere Braut nehmen. Es kann nicht angehen, dass mein einziger Sohn sich nicht verheiratet.“

Und weil dem Prinzen alles gleich war, stimmte er zu, die älteste der fünf Schwestern zu ehelichen. Und er ging am Abend zum Haus der Schwestern, damit er um ihre Hand anhalten könne.

Als er aber den Garten der Schwestern durchquerte, da hörte er auf einmal ein leises Klingen, das ihm wohlbekannt war. Mit glühendem Herzen eilte er dem Klang nach, bis er ein zartes goldenes Leuchten sah. Und er fand auf einem Erdhügel ein winziges Pflänzchen mit einer einzigen der geliebten Blüten. Da verstand er plötzlich und hieß sofort einige Bedienstete, den Hügel aufzugraben. Darinnen fanden sie lauter vergangene Pflanzen und endlich sprang auch sein Mädchen heraus.

So konnte der Prinz doch noch seine geliebte Braut ehelichen und überall im Palastgarten blühten fortan die Nachtkerzen und leuchteten im Sonnenuntergang, während die Prinzessin dazu sang.

Die fünf bösen Schwestern aber sind vor Wut mit lautem Knall zerplatzt.

Widum woanders