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Wenn du nicht in der Lage bist,
die Wahrheit genau dort zu finden, wo du bist,
wo willst du sie sonst finden?
(Zen-Weisheit)

Die verlorene Meerjungfrau

Es war einmal ein Fischer, der fuhr, wie jede Nacht, aufs Meer hinaus und warf sein Netz aus. Aber als er das Netz wieder einholte, war etwas sehr Schweres darin. Er zog und zog und siehe da, es war eine Meerjungfrau und sie sprach:

„Ich will dir zehn von meinen goldenen Schuppen geben, wenn du mich mit deinem jüngsten Sohn vermählst.“ Und als der Fischer das Gold sah, stimmte er zu.

Der jüngste Fischerssohn erschrak, als der Vater ihn am nächsten Tag ans Meer führte und ihm seine Braut vorstellte. „Vater, ich kann doch keine Meerjungfrau ehelichen!“
Aber der Vater bat seinen Sohn inständig, sein Versprechen an die Meerjungfrau einzulösen. Und so wurde der junge Mann mit der Meerjungfrau verheiratet. Der Vater aber schenkte jedem seiner Söhne eine goldene Fischschuppe und behielt nur zwei für sich und seine Frau.

Und so war die ganze Fischerfamilie auf einmal reich und glücklich – bis auf den jüngsten Sohn. Der saß am Abend der Hochzeit allein auf einem Felsen am Meer und war tief bekümmert.
„Sei nicht traurig“, sagte die Meerjungfrau, die neben ihm im Wasser schwamm, „denn, wenn du mich küsst, dann werde ich ein Mensch.“

Und wirklich: Als der junge Fischer die Meerjungfrau küsste, fiel ihre Fischhaut von ihr ab und sie ward ein wunderschönes Mädchen.

„Nimm mich heimlich mit in dein Gemach und ich werde die ganze Nacht bei dir sein. Am Morgen aber muss ich ins Meer zurückkehren.“ Und sie nahm ihre goldene Fischhaut und trug sie wie einen Schatz zum Haus des Fischers.

Und so ging es fortan jeden Abend. Sobald die Familie zu Bett gegangen war, schlich sich der jüngste Sohn zum Meer und holte seine schöne Frau ab. Und bevor die Sonne aufging, war sie wieder zum Meer zurückgeeilt.

Und jeden Abend sagte sie zu ihm: „Du darfst niemals jemandem verraten, was es mit mir auf sich hat, sonst ist unsere Liebe zu Ende.“ Und ihr junger Gatte versprach ihr jedes Mal, ihr Geheimnis zu bewahren.

Die sieben Brüder, die bald ihre goldene Schuppe in Saus und Braus verprasst hatten, sahen, dass es ihrem jüngsten Bruder recht wohlerging und das ärgerte sie. Sie verlachten ihn ob seiner Frau, die ein halber Fisch war und hörten nicht auf, zu sticheln und zu spotten, bis der junge Mann nicht mehr anders konnte und sagte:
„Ihr wisst ja gar nicht, dass sie ein wunderschönes Mädchen ist und jede Nacht in Menschengestalt zu mir kommt!“

Da platzten die Brüder vor Neid und dachten sich einen Streich aus, den sie dem jungen Paar spielen wollten. Und in der nächsten Nacht schlich sich der zweitjüngste Bruder in das Gemach, in dem das Brautpaar schlief. Er stahl die goldene Fischhaut und brachte sie seinen Brüdern. Die freuten sich, dass sie jetzt noch viel reicher waren als zuletzt und teilten alle goldenen Schuppen unter sich auf.

Als die Meerjungfrau im Morgengrauen erwachte und ihre Fischhaut nicht mehr fand, weinte und klagte sie laut. Davon erwachte ihr Mann und erkannte, was für ein Unglück er verursacht hatte.
„Nun ist es zu Ende mit unserer Liebe!“ rief die Meerjungfrau, lief zurück zum Meer und verschwand.

Der jüngste Fischersohn aber war zutiefst betrübt und bereute, dass er das Geheimnis seiner Frau preisgegeben hatte. Jeden Abend saß er am Meer und weinte bitterlich. Da tauchte eines Abends ein großer Fisch aus den Wellen auf und sagte:
„Ich kann dein Weinen und Klagen nicht mehr hören. Deshalb will ich dir sagen, wie du deine Frau wiederfindest: Du musst einmal um das ganze Meer herumlaufen.“

Da machte sich der jüngste Fischersohn auf den Weg. Und er lief und lief immer am Meer entlang. Er lief über Strände und Steilküsten, durch Städte und Wälder, überquerte Flussmündungen und Brücken, bis er viele Jahre später endlich wieder am heimatlichen Strand angekommen war. Aber die Meerjungfrau war nicht da. Er wartete sieben Tage und sieben Nächte, aber seine Frau kam nicht.
Da verzweifelte er und rief laut aufs Meer hinaus:

„Meerjungfrau, wo bist du? Höre mich: Es tut mir so leid!“

Und auf einmal stand seine schöne Frau in Menschengestalt vor ihm. Und er lachte und umarmte sie, herzte und küsste sie und fortan wurden sie durch nichts mehr getrennt.

 

 

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