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Du kannst den Pfad nicht beschreiten,
solange du nicht selbst
der Pfad geworden bist.
(Zen-Weisheit)

Die Schriften des Mönches

Es war einmal eine Ordensschule auf einem hohen Hügel. Dort lehrte man den jungen Mönchen das kunstvolle Schreiben. Und immer wenn einer eine schöne Geschichte geschrieben hatte, durfte er in ein schönes Kloster ziehen um dort das Wort Gottes abzuschreiben.

Als der Schreiblehrer alt wurde, nahm er keine neuen Schüler mehr auf und nach und nach verließen alle jungen Mönche die Ordensschule.

Nur einer, mit Namen Franz, vermochte es nicht, eine schöne Geschichte zu schreiben. Er übte und versuchte sich, aber immer, wenn er dem Lehrer ein neues Blatt reichte, schüttelte der nur den Kopf.

Und so geschah es eines Tages, dass der alte Lehrer starb und Franz ganz allein in der Ordensschule zurückblieb.

Kurz darauf kam ein sehr harter Winter. Schon im November schneite es ohne Unterlass.
Franz sah von der höchsten Schreibkammer aus, wie die Welt ringsherum im Schnee versank. Alles war weiß, jeder Hügel, jeder Baum, jedes kleinste Zweiglein. Bald konnte Franz nicht mehr vor die Tür treten, weil die das Haus meterhoch in Schnee gebettet war.

Es vergingen viele Tage und Franz begann sich zu fürchten. Ihm war, als wäre die ganze Welt für immer und alle Zeiten erfroren.

Und weil er solche Angst hatte, dass dies das Ende der Welt sein könnte, ergriff ihn ein großer Kummer. Sollten denn Gottes Wunder der Schöpfung nun für alle Zeit verloren und vergessen sein?
Nein, das durfte nicht geschehen!

Und so nahm Franz seine Feder und begann, alles aufzuschreiben, woran er sich erinnerte und was er von der Welt wusste.

Er schrieb vom Himmel und den Wolken, vom Wald und den Bäumen, von den Tieren, den Flüssen und Meeren. Er schrieb und schrieb, Tag und Nacht. Und immer fiel ihm noch etwas ein, was er noch nicht aufgeschrieben hatte. Wie die Nachtigall sang oder in welchem besonderen Gelb Schlüsselblumen blühten. Er schrieb von der Liebe und der Brüderlichkeit, vom Lachen und vom Weinen. Er schrieb vom Duft der Erde und vom Geschmack des Wassers.

Und eines Tages, während er schrieb, hörte er ein Geräusch. Er sah zum Fenster und dort war ein Vögelchen gelandet und sang ein Lied.

Franz ging zum Fenster, öffnete es und sah Tropfen von Eiszapfen herabfallen und hier und da etwas Grünes aus dem Weiß hervorspitzen.

Der Winter ging zuende! Eine wilde Freude erfasste Franz. Voller Glück beobachtete er, dass die Welt doch wieder zu leben begann. Und er setzte sich hin und schrieb vom Frühlingserwachen, von der Gestalt der Krokusse und dem Gesang der ersten Vögel.

Als der Schnee geschmolzen war, kamen einige Ordensbrüder zur Schule, die sich um den eingeschneiten Franz gesorgt hatten.

Als sie in die Schreibkammer traten sahen sie erstaunt, dass sie über und über angefüllt war mit Schriften. Sie nahmen hier und da ein Blatt zur Hand und lasen Worte, welche Gottes Schöpfung auf das herrlichste lobpreisten und so trefflich beschrieben, dass man meinte, man könne den Duft der Blumen riechen und das Singen der Vögel hören.

Und sie verneigten sich vor der hohen Kunst, die Franz erschaffen hatte und ernannten ihn zum neuen Lehrer der Ordensschule.

 

 

Widum woanders