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(Zen-Weisheit)

Die goldene Krone

Es war einmal ein weißes Kloster, das zwischen acht Gipfeln an einem Berghang erbaut war und über ein weites Tal schaute. In den Gewölben dieses Klosters, die mit herrlichen Bildern bemalt waren, wurde seit undenklichen Zeiten eine goldene Krone aufbewahrt. Sie war auf einen Thron aus rotem Samt gebettet und unfassbar schön.

Aber noch nie war es jemandem gelungen, diese Krone auf sein Haupt zu setzen. Es hieß, dass die Krone nur wahre Weisheit und die reinste Seele unter sich dulden würde.

Die Mönche des weißen Klosters widmeten ihr ganzes Streben der Suche nach diesem einen König und dem Studium der alten Schriften. Und insgeheim strebte jeder von ihnen danach, die Bedingungen der Krone zu erfüllen. Alle Mönche besuchten heimlich das Gewölbe und probierten, sich die Krone aufzusetzen. Und jedes Mal, wenn sie es nicht vermochten, erlegten sie sich noch mehr Studium, noch mehr Gebet und noch mehr Buße auf.

In jedem Jahr zur Wintersonnenwende, fand in dem weißen Kloster das Kronenfest statt. An diesem Tag kamen aus aller Herren Länder Könige und Königinnen, Prinzen und Prinzessinnen, Bischöfe und Weise, Fürsten, Ritter und Gelehrte. Sie alle stellten sich in einer langen Reihe auf, die bis ins Tal hinabreichte und durften, einer nach dem anderen, versuchen, sich die Krone aufzusetzen.

Aber noch nie hatte irgendjemand es vermocht, die Krone auch nur aus ihrem samtenen Bett hochzuheben.

Nun wurde es wieder einmal Winter und die Berge und das Tal waren tief verschneit. Der Tag des Kronenfests näherte sich und es herrschte größte Betriebsamkeit im Kloster, im Tal und den umliegenden Dörfern. Denn all die vornehmen Gäste, würden Unterkunft und Speis und Trank benötigen.

Ein Stück Weges vom Kloster entfernt und den Berg hinauf unterhielten die Mönche ein Gehöft mit Schafen. Und es war schon immer so, dass fünf Waisenkinder aus dem Tal die Aufgabe hatten, die Lämmerherde zu hüten.

Im Sommer führten sie die Tiere auf die Bergweiden und im Herbst brachten sie sie in die Ställe, und versorgten sie bis zum Frühling mit Futter, Wasser und Einstreu.

Und als das Kronenfest näher rückte, befahl der Abt des Klosters, man möge für das Festessen der Mönche zehn Lämmer bringen.

Die Lämmerhirten trennten die Tiere aus der Herde und trieben sie durch den verschneiten Bergwald zum Kloster. Der kleinste von ihnen hieß Toni und hatte seine Arbeit erst im Sommer aufgenommen. Er war sehr aufgeregt, denn er würde zum ersten Mal das Kloster sehen.

Als die fünf Jungen mit den Lämmern im Kloster ankamen, waren alle Mönche sehr geschäftig. Die Tiere wurden über den Klosterhof getrieben und dann geschlachtet.

Als der kleine Toni das sah, brach ihm das Herz, denn er hatte seine Lämmer sehr lieb und sich fleißig um sie gekümmert. Die vier anderen Jungen verspotteten ihn ob seiner Tränen.
Dann rannten sie los, das Kloster zu erkunden und weil der kleine Toni nicht wusste, was er sonst tun sollte, lief er ihnen hinterher.

Die Jungen liefen hierhin und dorthin durch das Kloster und kamen auch in das Gewölbe der Krone. Sie prahlten und brüsteten sich im Spiel, dass sie die Krone hochheben könnten. Und als der erste sich traute, die Krone zu berühren, taten die anderen es ihm nach und alle versuchten sich daran, aber keiner konnte sie auch nur einen einzigen Millimeter bewegen.

Der kleine Toni hatte nicht mitgetan. Ihm war es für heute genug von dem Spott der anderen. Und so vergaßen sie ihn auch, als sie wieder aus dem Gewölbe hinausliefen.

Als Toni allein war, ging er zu dem samtenen Thron und betrachtete die goldene Krone. Er verstand nicht recht, warum alle ein solches Aufheben davon machten. Gut, sie glänzte sehr schön und die Edelsteine hatten hübsche Farben. Sicher war sie auch sehr wertvoll. Aber der kleine Toni hätte die Krone gerne für seine zehn Lämmer eingetauscht.

Traurig legte er einen seiner schmutzigen Finger an das kühle Gold und strich darüber. Dabei gab er der Krone einen kleinen Schubs und da bewegte sie sich.

Toni hielt inne, schubste noch einmal und wieder bewegte sich die Krone. Da nahm er sie in beide Hände und es war ganz leicht, sie hochzuheben. Eigentlich nur, um zu probieren, ob sie ihm passte, setzte sich der kleine Lämmerhirte die goldene Krone auf seine struppigen Haare und siehe da: Sie passte!

Toni wiegte den Kopf mit dem ungewohnten Gewicht ein wenig hin und her und ging ein paar Schritte auf und ab. Dann nahm er die Krone wieder ab und legte sie vorsichtig an ihren Platz zurück.

Als er sich umdrehte, erschrak er, denn ein Novize stand in der Tür zum Gewölbe und betrachtete ihn. Der Novize aber lächelte und da verlor Toni seine Angst.

„Komm her kleiner Lämmerhirte“, sagte der junge Mann und Toni trat näher.

„Soll ich dir ein Geheimnis verraten?“ fragte er und Toni  nickte.

Da ging der Novize zu der Krone, nahm sie behutsam von ihrem Thron und setzte sie sich auf. Lächelnd drehte er sich zu Toni um und blinzelte ihm verschmitzt zu.

Da musste auch der kleine Lämmerhirte lächeln.

Nachdem er die Krone wieder zurückgelegt hatte, legte der Novize seinen Arm um Toni und sagte: „Das bleibt unser Geheimnis, einverstanden?“

Toni nickte.  

Am nächsten Tag war Wintersonnenwende und das Kronenfest begann. Hunderte Reiche und Mächtige, Gelehrte und Weise pilgerten in das Gewölbe und versuchten, sich die Krone aufzusetzen. Aber niemandem gelang es. Wieder einmal ging das Fest vorbei, ohne dass die Krone auch nur einen Millimeter bewegt worden war.

Der Novize und der kleine Toni aber wurden wie Brüder und immer, wenn einen von ihnen ein Kummer befiel, wanderten sie gemeinsam durch die Bergwälder, bis ihre Herzen wieder leichter waren.

 

Widum woanders