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Wirf deine Gedanken
wie Herbstblätter in einen blauen Fluss,
schau zu, wie sie hineinfallen und davontreiben
- und dann: vergiss sie.
(Zen-Weisheit)

Das Amulett

Es war einmal ein Mädchen namens Marie, das hatte eine kranke Mutter. Und bevor die Mutter starb, rief sie ihr Mädchen zu sich und sagte: „Jetzt wirst du bei der Großmutter leben. Sei immer brav und fleißig.“

Und sie gab ihrer Tochter ein goldenes Amulett mit den Worten: „Wenn du einmal in Gefahr gerätst, wird dies dir helfen. Du musst es nur auf den Boden werfen.“

Marie band sich das Amulett an einer Schnur um den Hals und machte sich auf zur Großmutter. Dort ging es ihr gut und die Großmutter liebte ihr Mariechen sehr und umgekehrt war es genauso.

Eines Tages sagte die Großmutter: „Ach mein liebes Kind, ich habe solchen Durst, geh und hole mir Wasser aus dem Brunnen.“

Sogleich lief Marie zum Brunnen. Dort aber saß eine Hexe und die sagte: „Ich lasse dich nur Wasser heraufholen, wenn du mir eine deiner Erinnerungen schenkst.“

Marie stimmte zu und die Hexe gab den Brunnen frei. Und als Marie mit dem Wasser zurück zur Großmutter lief, da hatte sie ihre Mutter vergessen.

Am nächsten Tag sagte die Großmutter: „Ach, mein liebes Kind, mich gelüstet so sehr nach Fisch, geh und hole mir eine Forelle aus dem Bach.“

Sogleich lief Marie zum Bach. Dort aber saß die Hexe und sie sagte: „Ich lasse dich nur eine Forelle fangen, wenn du mir eine deiner Erinnerungen schenkst.“

Marie stimmte zu und die Hexe gab den Bach frei. Und als Marie mit einer Forelle zurück zur Großmutter lief, da hatte sie ihren Namen vergessen.

Am nächsten Tag sagte die Großmutter: „Ach mein liebes Kind, mich gelüstet so sehr nach Obst, geh und hole mir einen Apfel vom Baum.“

Sogleich lief Marie zum Baum. Dort aber saß die Hexe und sie sagte: „Ich lasse dich nur einen Apfel pflücken, wenn du mir eine deiner Erinnerungen schenkst.“

Marie stimmte zu und die Hexe gab den Baum frei. Und als Marie den Apfel in der Hand hielt, da hatte sie ihre Großmutter vergessen.

Und so saß Marie allein unter dem Baum und ihr war ganz furchtsam, weil sie gar nicht mehr wusste woher und wohin und wer sie eigentlich war. Ich bin niemand, dachte sie bei sich.

Voller Furcht und Kummer streifte Marie durch den Wald. Wenn sie hungrig war, pflückte sie sich einen Apfel und wenn sie durstig war, trank sie aus dem Bach. Am Abend setzte sie sich unter einen Baum und weinte sich in den Schlaf. So ging es tagein tagaus bis der Winter kam.

Als der erste Schnee fiel und Marie frierend unter dem Baum saß, kam ein Mäuslein daher. Und wie es an ihr vorbeirannte, da klagte es laut.

„Was ist dir geschehen, Maus?“, fragte Marie.

Da blieb die Maus stehen und rief: „Ach, die Hexe hat all meine Kinder gestohlen und will sie fressen und niemand kann mir helfen!“

„Dann hast du Glück“, sagte Marie, „denn ich bin niemand.“

Und sie folgte der Maus tief in den Wald hinein, bis zum Haus der Hexe. Dort klopfte sie an die Tür.

Die Hexe aber hatte eine Magd, die alle Arbeit für sie erledigen musste. Und als es an die Tür klopfte, rief die Magd von innen: „Wer ist da?“

„Niemand“, antwortete Marie.

Da ließ die Magd das Mädchen ein. Und während sie zur Hexe ging, um den Besuch anzumelden, versteckte sich Marie geschwind in einem dunklen Winkel.

Und die Hexe fragte die Magd: „Wer ist zu Besuch?“

Die Magd antwortete: „Niemand.“

"Dann lass uns zu Bett gehen", sagte die Hexe.

Marie wartete, bis beide eingeschlafen waren und machte sich dann auf die Suche nach den Mäusekindern.

In der Küche waren sie nicht, in der Stube waren sie auch nicht, aber in der Speisekammer, da hörte sie ein leises Piepsen aus einem Topf. Sie hob den Deckel und befreite die Mäusekinder. Die sagten alle artig Danke und flitzten hinaus.

Und als Marie gerade aus der Kammer gehen wollte, da hörte sie ein leises Scharren in einem anderen Topf. Sie öffnete ihn und da flatterten fünf junge Vögel heraus.

Jetzt öffnete Marie ein Gefäß nach dem anderen. Und in der ganzen Kammer huschte und flatterte es vor lauter gestohlenen Tierkindern, die sich alle hurtig aufmachten, aus dem Haus der Hexe zu fliehen.

Endlich kam Marie zu einer schönen Spieluhr mit goldenen Beschlägen. ‚Was wird wohl darin gefangen sein?‘, dachte sie.

Und als sie die Spieluhr öffnete, fand sie darin alle ihre Erinnerungen. Sobald aber der Deckel gehoben war, ertönte eine Melodie und weckte die Hexe auf, die mit lautem Geschrei zur Kammer lief.

Marie aber, die jetzt alle ihre Erinnerungen wieder hatte, riss schnell das Amulett von ihrem Hals und warf es zu Boden. Dann rannte sie Hals über Kopf hinaus in den Wald und sie war noch nicht weit gekommen, als es hinter ihr ein Rauschen und Wehen gab und sich das ganze Hexenhaus im Kreise drehte und immer schneller drehte und schließlich so weit in den Himmel flog, dass es nie mehr gesehen wurde.

Aber dort, wo das Haus gestanden hatte, fand Marie einen Topf voller Gold mit dem sie glücklich zu ihrer Großmutter zurückkehrte.

 

Widum woanders