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Wenn die Achtsamkeit etwas Schönes berührt,
offenbart sie dessen Schönheit.
Wenn sie etwas Schmerzvolles berührt,
wandelt sie es um und heilt es.
(Zen-Weisheit)

Die schöne Schwester und die Magd

Es war einmal eine arme Witwe, die hatte zwei Töchter. Als die Mädchen herangewachsen waren, wollte sich für keine ein Bräutigam finden. Da brachte die Mutter ihre Töchter zu einer Zauberin und sagte:

„Hilf mir, meine Kinder zu verheiraten. Ich werde alt und kann sie nicht länger ernähren. Aber ohne Mitgift will sie niemand nehmen.“

Die Zauberin betrachtete die beiden Mädchen und sagte:

„Ich will eine deiner Töchter so schön machen, dass ein jeder Jüngling sie zur Frau begehren wird, ganz gleich ob sie auch nur einen Heller besitzt. Dafür will ich aber die andere zur Magd haben.“

Da war die Mutter erleichtert, dass ihre beiden Kinder versorgt waren.        

Die Zauberin hielt ihr Versprechen und schenkte der älteren Tochter eine strahlende Schönheit. Sie war so schön, dass alles um sie herum verblasste. Ihre Schönheit sprach sich im ganzen Land herum und die reichsten und mächtigsten Jünglinge hielten um ihre Hand an. Schließlich gab sie dem Königssohn ihr Jawort und lebte fortan als Prinzessin im Palast.

Die andere Tochter aber diente der Zauberin und musste ihr von früh bis spät den Haushalt führen. Immer, wenn sie eine Aufgabe erledigt hatte, musste sie eine neue, noch schwerere ausführen. Und sie erkannte, dass sie sich bald totarbeiten würde. Da beschloss sie, von ihrer Herrin wegzulaufen. Ganz früh am Morgen, als die Zauberin noch schlief, machte sie sich heimlich davon und lief in den Wald. Aber der Wald diente der Zauberin und die Bäume riefen: „Herrin, deine Magd läuft dir weg!“ Die Zauberin eilte herbei und fing die Magd wieder ein.

Von da an musste die jüngere Schwester noch härter arbeiten. Und sie dachte: Wenn das so weiter geht, werde ich mich bald totarbeiten. Und wieder lief sie fort, aber diesmal auf einen Berg. Aber der Berg diente der Zauberin und seine Felsen riefen laut: „Herrin, deine Magd läuft dir weg!“ Und die Zauberin eilte herbei und fing die Magd wieder ein.

Von da an musste die jüngere Schwester noch härter arbeiten. Und sie dachte: Wenn das so weiter geht, werde ich mich bald totarbeiten.

Eines Tages schickte die Zauberin ihre Magd in den Garten, wo sie Beeren pflücken sollte. Die Magd plagte sich in den Sträuchern und riss sich die Hände an den Dornen auf. Da hörte sie in der Nähe ein leises Rinnen und Plätschern. Ach, dachte sie sich, wie schön wäre es, meine Hände in frischem Wasser zu kühlen. Und sie machte sich auf, die Quelle zu suchen. Und siehe da: Hinter einen Vorhang aus Efeu sprudelte reines Wasser aus einem Felsspalt in ein steinernes Becken.

Und als die Magd ihre Hände hineintauchte, heilten die Wunden von den Dornen vor ihren Augen. Aber nicht nur das. Die Beeren schienen auf einmal von allein in ihr Körbchen zu hüpfen und sie waren prächtig und süß. Alle Arbeit, die sie verrichten wollte, erledigte sich wie von allein, sobald sie nur den Besen oder den Topf oder das Schüreisen berührte. Und von da an ging sie jeden Tag heimlich zu der Quelle und wusch ihre Hände darin.

Auch der anderen Schwester im Palast war kein Glück beschieden, denn die Prinzessin merkte bald, dass ihre Schönheit so groß war, dass alles, was in ihrer Nähe war, hässlich erschien. Goldene Becher verloren ihren Glanz, Samt und Seide verblassten, ja sogar die Menschen des Hofstaats und ihr Prinz schienen zu ergrauen, wenn sie die Prinzessin berührten.

Da ließ sie sich prächtige Kleider schneidern, die so weite Röcke hatten, dass ihr niemand zu nah kommen konnte. Und bald wurde im ganzen Land bekannt, dass die zukünftige Königin eine unnahbare Schönheit war, die von niemandem berührt werden durfte. Die Untertanen verehrten ihre wunderschöne Prinzessin und das Königreich blühte auf, weil von nah und fern reiche Händler kamen, die einen Blick auf die Schönheit der Prinzessin werfen wollten.

Die Kunde von der unnahbaren Prinzessin drang auch bis zu ihrer Schwester, der Magd im Haus der Zauberin und sie erkannte, dass sie alle beide um ihr Glück betrogen worden waren.

Und da beschloss die Magd, ein letztes Mal zu versuchen, von der Zauberin zu fliehen. Sie nahm einen kleinen Krug und füllte ihn an der Quelle im Garten. Dann machte sie sich früh am Morgen auf und lief in den Wald. Und als die Bäume gerade ihre Herrin rufen wollten, tauchte die Magd ihre Hände in den Krug und berührte damit die Stämme der Bäume.

Da streckten sich die Bäume, ihre Blätter breiteten sich aus und strahlten in hellem Grün. Und die Bäume beschlossen, lieber zu wachsen und zu grünen, anstatt der Zauberin zu dienen.

Weiter lief die Magd und kam zum Berg. Und bevor die Felsen anfangen konnten zu rufen, wusch sie sich die Hände mit dem Wasser aus dem Krug und berührte die Felsen. Da leuchteten das Moos und die Flechten auf und der Berg beschloss, lieber seine Ewigkeit zu genießen, als der Zauberin zu dienen.

Schließlich kam die Prinzessin zum Königspalast und bat um eine Audienz bei ihrer Schwester. Aber als sie vorgelassen wurde, da war das Kleid der Prinzessin so groß, dass die Magd ihre Schwester nicht berühren konnte.

„Du musst dein Kleid ausziehen,“ sagte die Magd.

Und obwohl sie große Angst hatte, warf die Prinzessin ihr Kleid ab und stand plötzlich klein und wunderschön in ihrem Untergewand da. Die Magd aber wusch sich die Hände mit dem letzten Wasser aus ihrem Krug und berührte dann ihre Schwester.

Und augenblicklich war die Prinzessin nicht mehr wunderschön. Dafür erstrahlte alles in ihrer Umgebung hell und klar und leuchtend. Und die Schwestern umarmten sich und lachten und freuten sich, dass sie einander wiedergefunden hatten.

Widum woanders