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Die drei Elemente der Kreativität
sind Liebe, Wissen und Handeln
oder: großer Glaube, große Frage
und großer Mut.
(Zen-Weisheit)

Die Feenkinder

Es war einmal eine Fee, die lebte in einem herrlichen Schloss und hatte elf Töchter - jede zauberhafter als die andere. Und die Fee liebte ihre Kinder sehr.

Als die elf Feenkinder herangewachsen und wunderschöne Maiden geworden waren, kam eine Hexe aus der Königsstadt zu Besuch. Die Hexe hatte elf Söhne und sagte: "Es soll sich eine jede einen meiner Söhne aussuchen, so dass er sie zur Frau nehmen kann."

Es stellte sich aber heraus, dass keiner der Feen auch nur einer der Hexensöhne gefiel und sie lehnten alle höflich aber bestimmt ab.

Da wurde die Hexe von Wut gepackt und sie legte einen Zauber über das Schloss, der alle Türen und Tore erstarren und sich nicht mehr in ihren Angeln bewegen ließ. Die elf Feentöchter aber verwandelte sie in elf goldene Schlüssel.

Als sich die Fee mit ihren Töchtern auf diese Weise gefangen sah, brach es ihr schier das Herz. Sie nahm die elf goldenen Schlüssel, zog sie auf goldene Ketten und hängte sie von der Decke der Schosshalle herab. Dann setzte sie sich darunter auf den Boden und weinte.

Die Hexe aber kehrte mit ihren Söhnen zurück in die Stadt des Königs. Als die Nacht gekommen war, verwandelte sie ihre elf Söhne in goldene Schlösser und verhängte damit alle Eingänge zum Königspalast. Nur das große Tor mit der Zugbrücke ließ sie offen. Bald wurde bekannt, was geschehen war, aber kein Schmied und auch sonst niemand vermochte, die goldenen Schlösser zu öffnen. Da ließ der König im ganzen Reich verkünden, dass derjenige, der die elf Schlösser öffnen würde, für jedes einen goldenen Ring und die Hand der Prinzessin erhalten würde. Diese Kunde verbreitete sich im ganzen Land. Aber es fand sich niemand, der die Schlösser öffnen konnte.

Bald kam ein neuer König mit einer neuen Prinzessin und wieder ein neuer König und in jedem Jahr wurde das Versprechen des Königs neu ausgerufen.

Viele Sommer und Winter zogen über das stille Feenschloss hinweg, der Wald wuchs bis an die Mauern heran und Dornen rankten sich an den Türmen hinauf. Nur manchmal, wenn der Wind so arg blies, dass er den Weg hineinfand, bewegten sich die Schlüssel leise an ihren Ketten und klangen aneinander.

Dieses Klingen vernahm eines Tages ein stolzer Adler. Der Adler flog näher und fand ein offenes Fenster, durch das er in das Schloss gelangte. Er sah die elf Schlüssel und machte sich seinen Reim darauf.

Als er aber weiterflog, da wurde er von zwei Falken angegriffen und stürzte verletzt zu Boden. Dort fand ihn ein junger Ritter und hatte Mitleid mit dem stolzen Tier. Er hob den Adler auf, trug ihn in seine Burg und fütterte ihn so lange von seinem eigenen Teller, bis der Adler wieder fliegen konnte.

Da sprach der Adler: "Ritter, du hast mir das Leben gerettet. Dafür will ich dich belohnen. Aber nimm ein scharfes Schwert mit."

Der Ritter nahm sein Schwert, seine Rüstung und sein Ross und ritt, geführt von dem Adler in den Lüften, lange durch den Wald, bis er an ein uraltes Schloss gelangte. Aber das Tor ließ sich nicht öffnen und auch keine andere Tür.

Der Adler flog herab und sagte: "Folge der Schlossmauer auf der Sonnenseite."

Und siehe da, ein mächtiger wilder Wein hatte die Mauer zerbrochen und nachdem der Ritter einige der Ranken mit seinem Schwert durchtrennt hatte, fand er einen Weg in das Schloss.

Und so trat er in die wunderschöne Halle. Er schritt über die herrlichen Mosaiken des Bodens auf denen das Laub längst vergangener Jahre raschelte. Und als er seinen Blick hob, schwebten wie goldene Tropfen die elf Schlüssel über ihm.

Der Ritter griff danach und löste einen nach dem anderen von ihren Ketten. Und da fielen ihm die Geschichten ein, denen er als kleiner Knabe abends am Kamin gelauscht hatte: Elf goldene Schlösser am Königspalast, die seit undenklichen Zeiten niemand hatte öffnen können.

Er barg die kostbaren Schlüssel in seinem Mantel und kehrte zu seinem Ross und dem Adler zurück. Alle drei machten sich auf zur Königsstadt und zum Palast.

Als der Ritter um eine Audienz bat und dem König antrug, er möchte ihm den Versuch gewähren, die zwölf goldenen Schlösser zu öffnen, da musste der König erst seine Weisen dazu befragen. Diese trugen uralte Schriften heran und lasen laut vor: "Wer es vermag, die elf  goldenen Schlösser zu öffnen, erhält elf goldene Ringe und die Hand der Prinzessin." Bei diesen Worten verneigte sich der Ritter vor der Königstochter und beide fanden Wohlgefallen aneinander.

Der Ritter wurde zu der ersten der elf verschlossenen Türen geführt. Auf seiner Schulter saß der Adler und sagte ihm ins Ohr: "Schließe nur mit einer Hand, mit der anderen halte dein Schwert bereit!" Also zog der Ritter sein Schwert, nahm den ersten goldenen Schlüssel und steckte ihn in das erste goldene Schloss. Und als er den Schlüssel drehte, sprang die Tür auf und es verwandelte sich der Schlüssel in eine Feentochter und das Schloss in einen Hexensohn. Augenblicklich stürzte sich der Hexensohn auf den Ritter und rief: "Fort von meiner Braut!" Aber der Ritter war schneller und erschlug den Hexensohn mit einem Streich.

Und so tat er es an allen anderen verschlossenen Türen, bis elf wunderschöne Feen bei ihm standen.

Der König ließ elf goldene Ringe schmieden und richtete ein prächtiges Hochzeitsfest aus. Alle Palasttüren wurden mit Blumenranken geschmückt und erhielten eine Wache aus einer Ehrengarde. Und so ehelichte der Ritter die Prinzessin. Die goldenen Ringe aber schenkte er den elf Feen. Und sie alle schworen sich ewige Freundschaft. Dann kehrten die Feen auf ihr Schloss zurück und lebten dort glücklich und zufrieden und bekamen viele schöne Töchter, denen sie die Geschichte von den elf goldenen Schlüsslen erzählten.

Widum woanders