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Keine Schneeflocke fällt auf die falsche Stelle.
(Zen-Weisheit)

Die steinernen Tränen

Es war einmal ein Mädchen, das lebte bei einer bösen Fee. Als es herangewachsen war, sperrte die Fee es in eine Hütte im Wald und gab ihm Nadel, Faden und ein Stück Leinen, dass es das Nähen erlernen solle.

Aber das Mädchen konnte – so sehr es sich auch mühte – das Nähen nicht erlernen. Immer und immer wieder stach es sich in die zarten Finger und ihre Blutstropfen verdarben das Linnen.

Da gab ihr die Fee einen silbernen Becher, füllte ihn mit Wasser aus der Quelle und sagte: „Lass deine Blutstropfen hierhinein fallen, damit du das Linnen nicht verdirbst. Morgen komme ich wieder und wenn ich einen Fleck finde, sollst du es bitter bereuen!“

Da weinte das Mädchen und sprach zu sich: „Ich bin zu gar nichts nütze. Wäre ich doch als eine andere zur Welt gekommen!“ Und als ihre Tränen und ihr Blut in das silberne Becherchen fielen, da wurden sie zu Stein.

Bevor die Fee am nächsten Tag erschien, sammelte das Mädchen die Steinchen aus dem Becher, so dass es erschien, als hätte sie sich gar nicht gestochen. Die Fee war zufrieden, denn sie fand in dem silbernen Becher nur klares Wasser.

„Jetzt wo du nähen kannst,“ sprach sie, „sollst du das Sticken erlernen.“ Und sie gab ihr bunte Seidenstränge und ein Stück grobes Linnen.

Aber zum Sticken hatte das Mädchen noch weniger Talent als zum Nähen. Und als die Fee fort war, weinte es und sprach zu sich: „Ich bin zu gar nichts nütze. Wäre ich doch als eine andere zur Welt gekommen!“ Wieder fielen ihre Tränen und Blutstropfen in den silbernen Becher und bevor die Fee zurückkam, sammelte das Mädchen sie heraus.

Die Fee schaute in den Becher, fand nur klares Wasser und sagte: „Jetzt, wo du Nähen und Sticken kannst, sollst du das Kochen erlernen.“ Und sie gab ihr ein Messer und einen Korb mit Gemüse.
Aber ach – das Mädchen hatte zum Kochen noch weniger Talent als zu den Nadelarbeiten und schnitt sich ein ums andere Mal in die Finger. Wieder weinte es und sagte zu sich: „Ich bin zu gar nichts nütze. Wäre ich doch als eine andere zur Welt gekommen!“

Bald hatte das Mädchen ein ganzes Säckchen voller Steine.

Da kam die Fee und sagte: „Jetzt, wo du Nähen, Sticken und Kochen kannst, will ich dich verheiraten. Dein Ehemann wird der Teufel sein, denn dem bin ich noch einen Gefallen schuldig.“

Da erschrak das Mädchen sehr. Und während es auf seine Hochzeit wartete, saß es am Fenster der Hütte und weinte bitterlich.

Da kam ein kleiner Vogel herangeflogen, der sonst vor ihrem Fenster gesessen und gesungen hatte. "Warum weinst du so sehr", fragte der Vogel. Und das Mädchen erzählte ihm die ganze Geschichte. Der Vogel flog fort und kehrte mit einem silbernen Schlüsselchen im Schnabel zurück. Und er sagte:

„Mit diesem Schlüssel kannst du bei Nacht die Tür deiner Hütte öffnen und in den Wald laufen. Sobald die Fee am Morgen merkt, dass du fort bist, wird sie dir ihre Häscher hinterhersenden. Aber wenn du alle hundert Schritte eins von deinen Steinchen auf den Weg fallen lässt, werden sie dich nicht mehr verfolgen.“

In ihrer Not folgte das Mädchen dem Rat des Vogels.

Und als die Häscher der Fee hinter dem geflohenen Mädchen herliefen, fand einer nach dem anderen auf dem Weg einen wunderschönen Edelstein. Und jeder dachte sich: „Was soll ich weiter der Fee dienen. Ich bin jetzt reich und gehe meiner eigenen Wege.“

Und wie das Mädchen so durch den Wald lief, da wurde sie von einer Bande Räuber gesehen. Und weil sie so schön war, ergriffen sie sie, legten ein eisernes Schloss um ihren Hals und nahmen sie mit, um sie zu ihrem Hauptmann zu bringen.

In der Nacht, als das Mädchen weinend im Räuberlager saß, kam das Vögelchen geflogen und hatte wieder ein silbernes Schlüsselchen im Schnabel. Damit befreite sich das Mädchen rasch von ihrer eisernen Fessel und lief zurück in den Wald. Alle 100 Schritte ließ sie eins ihrer Steinchen auf den Weg fallen und so entkam sie den Räubern.

Am nächsten Tag kam das Mädchen zu einer Stadt. Aber das Tor war am hellichten Tag verschlossen und kein Laut war von drinnen zu vernehmen, so sehr sich auch rief und klopfte.
Da kam das Vögelchen geflogen und hatte wieder ein silbernes Schlüsselchen im Schnabel.

„Du kannst mit diesem Schlüssel das Stadttor öffnen,“ sagte das Vögelchen. „Aber denke darüber nach, denn diese Stadt ist verwunschen und kann nur mit tausend Edelsteinen erlöst werden.“

Da schüttete das Mädchen sein Säckchen in den Staub vor dem Tor aus und zählte die Steine. Und wirklich waren es genau 500 Rubine aus ihren Blutstropfen und 500 Diamanten aus ihren Tränen.

„Ich will alle meine Edelsteine geben, wenn ich nur bei guten Menschen leben und keiner Fee, keinem Teufel und keinem Räuberhauptmann dienen muss.“

Sie nahm das silberne Schlüsselchen und öffnete damit das Stadttor.

Und siehe da: drinnen war ein fröhliches Treiben, auf den Märkten gab es die besten und schönsten Dinge und alle Menschen waren frei und froh. Neben dem Mädchen aber stand, anstatt dem Vögelchen, ein wunderschöner Prinz.

„Du hast meine Stadt und mich vom bösen Zauber der Fee erlöst“, sprach der Prinz. „Dafür will ich dich zu meiner Königin machen und dich lieben und ehren und allezeit dafür sorgen, dass du glücklich bist.“

Da lachte das Mädchen und umarmte ihren Prinzen. Und sie wurde seine Braut und später seine Königin. Und sie musste ihr ganzes Leben lang niemals nähen, sticken oder kochen.

Widum woanders