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Wenn du suchst – was ist es anderes,
als Schall und Form nachzujagen?
Wenn du nicht suchst,
worin unterscheidest du dich dann
von Erde, Holz und Stein?
Du musst suchen, ohne zu suchen!
(Zen-Weisheit)

Die Rosenkinder

 

Es war einmal eine Fee, die wohnte in einem wunderschönen Schloss, umgeben von einem Garten, in dem die herrlichsten Rosen wuchsen. Sie leuchteten in allen erdenklichen Farben und nirgends gab es schönere.

Eines Tages war die Fee bei Hofe zu Gast und wurde dem einzigen Königssohn vorgestellt. Von dem Augenblick an setze sich die Fee in den Kopf, den Prinzen zu heiraten. Der Prinz war sehr höflich und sprach die Fee auf die prachtvolle Rose an, die sie sich ans Gewand gesteckt hatte.

„Ach Prinz, wenn Euch Rosen gefallen, dann kommt mich in meinem Schloss besuchen, dort habe ich einen ganzen Garten voller Rosen, wie Ihr sie noch nie gesehen habt.“
Das konnte der höfliche Prinz schlecht abschlagen und versprach, die Fee zu besuchen.

Als diese in ihr Schloss zurückgekehrt war, bereitete sie alles für ihre Hochzeit vor. Sie ließ die edelsten Speisen kommen, kleidete alle Dienstboten in feinsten Zwirn, ließ Wimpelketten spannen und alles aufs Prächtigste herausputzen. Sie selbst kleidete sich in ein Gewand aus hundert Meter Seide, die über und über mit Diamanten bestickt war.

Als der Prinz eintraf, wunderte er sich und sprach:
„Hier ist ja alles für eine Hochzeit bereit. Wen werdet Ihr denn ehelichen?“

„Euch“, sagte da die Fee und griff nach des Prinzen Hand.

Der Prinz aber trat einen Schritt zurück und sprach: „Es ist mir eine Ehre, liebe Fee, aber ich will Euch nicht heiraten.“

Die Fee aber war sich ihrer Absicht so sicher, dass sie den Prinzen umschmeichelte, ihm Reichtum und Macht anbot und sich selbst in den höchsten Tönen pries.

Aber der Prinz blieb bei seinem Nein. Und als er sich anschickte, das Schloss wieder zu verlassen, da stampfte die Fee wütend mit dem Fuß auf und verwandelte den schönen Prinzen in einen hässlichen Lindwurm.

„Wenn Ihr nicht als mein Gemahl an meiner Seite leben wollt, so sollt Ihr es als mein Haustier tun. Husch, husch, hinaus, mein Drache und bewache meinen Rosengarten!“

Und so lebte der Prinz als Drache im Rosengarten der Fee. Und es vergingen so viele Jahre, dass die Fee schon längst verblichen war, ihr Drache aber immer noch tagein tagaus den Rosengarten bewachte.

Eines Tages begab es sich, dass ein junger Kaufmann auf einer Reise des Weges kam und den Rosengarten rund um das alte Schloss erblickte. Die wunderschönen Blüten erinnerten ihn an seine junge Frau daheim, die er über alles liebte. Und er hielt an, betrat den Garten und nahm ein Rosenreis aus der Erde, um es seiner Frau als Geschenk mitzubringen.

Kaum war er daheim angekommen, rauschte es in den Lüften und ein schrecklicher Drache flog herab.

„Du hast eine Rose aus meinem Garten gestohlen“, grollte er.

Der Kaufmann erschrak fürchterlich und stammelte nur immerzu, dass er die Rose doch nur seinem geliebten Weib hatte schenken wollen.

Da trat die besagte aus dem Haus und als der Drache sie sah, verwandelte er sie in einen Rosenstrauch und sprach: „So sollst du nun selber eine Rose bewachen.“

Darauf erhob er sich in die Lüfte und verschwand.

Der junge Kaufmann aber weinte bitterlich und pflanzte den Rosenstrauch, der einmal seine Liebste war, gleich vor sein Fenster und hegte und pflegte das Pflänzchen mit aller Liebe.

Und als der Sommer vorbei ging, da hing an einem einzigen Zweig eine schöne, glänzende Hagebutte. Und der junge Mann weinte und sagte: „Das hätte unser erstes Kind sein können!“

Die Hagebutte aber wuchs und wuchs und eines Tages entsprang daraus ein kleines Knäblein. Da war der Mann überglücklich, denn er erkannte, dass seine Frau ihm ein Kind geschenkt hatte.

Und so geschah es jedes Jahr. Als der Kaufmann sechs Söhne hatte, da wünschte er sich sehr ein Mädchen. Und den ganzen Sommer sprach er mit dem Rosenstrauch und bat um eine Tochter.
Und als im Herbst wieder eine einzige Hagebutte reifte, da wurde sein Wunsch erfüllt und ein wunderschönes Mägdlein entsprang der Frucht.

Als das Mädchen herangewachsen war, hörte der Kaufmann eines Tages ein Rauschen in der Luft und der Drache kam zu ihm.

„Höre, ich will Dir Dein Weib wiedergeben“, sprach der Drache. „Dafür musst Du mir aber Deine Tochter überlassen. Sie soll mir den Haushalt führen. Du hast drei Tage, um dich zu entscheiden!“

Und schon war der Drache wieder davongeflogen. Der Kaufmann war in großer Not und erdachte sich eine List. Er sagte zu seiner Tochter:

„Geliebtes Kind, ich will dich zum Drachen bringen, damit deine Brüder ihre Mutter sehen können. Aber auch du sollst zu uns zurückkehren. Singe den Drachen an jedem Abend in den Schlaf. Wenn er aber so gerade eingeschlafen ist, dann frage ihn allerlei Dinge. Und wenn er daran gewöhnt ist, dir die Fragen zu beantworten, dann frage ihn, welches seine verletzliche Stelle ist. Ich will dann kommen und den Drachen töten und dich befreien.“

Und so brachte er am dritten Tage seine Tochter zum Schloss im Wald. Und als er heimkehrte, da hatte seine geliebte Frau wieder ihre Menschengestalt und saß im Kreise ihrer Söhne.
Die Tochter aber führte dem Drachen den Haushalt und jeden Abend sang sie ihn in den Schlaf, was dem Drachen sehr gefiel.

Und immer, wenn er so gerade eingeschlafen war, fragte ihn das Mädchen etwas, was ihr im Moment einfiel.

Einmal fragte sie:
„Wer hat all die Rosen im Garten gepflanzt!“

Und der Drache antwortete:
„Das war die Fee, die ich nicht ehelichen wollte und die mich zur Strafe in einen Drachen verwandelt hat, der ihren Garten bewachen muss.“

Da verstand das kluge Kind und war von Mitleid ergriffen. Und am nächsten Tag fragte sie den Drachen, als er gerade so eingeschlafen war:
„Was, lieber Drache, kann dich von dem Zauber erlösen, dass du wieder ein Mensch wirst?“

Und der Drache antwortete: „Es muss mich ein Mädchen heiraten wollen.“

Da küsste das Mädchen den Drachen so lange auf seine schuppige Nase, bis er erwachte und dann sagte sie:
„Ich werde euch heiraten!“

Und da fiel die Drachenhaut zu Boden und vor ihr stand ein schöner Junger Prinz, der lachte und sie umarmte und sich vor Glück nicht lassen konnte.

Und sie luden die ganze Familie aufs Schloss, die junge Braut konnte zum ersten Mal ihre Mutter umarmen und es gab eine herrliche Hochzeit.

Das junge paar lebte fortan im Schloss im Wald und noch heute blühen dort die schönsten Rosen, die man je gesehen hat.

 

 

Widum woanders