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(Zen-Weisheit)

Die Schwestern am See

 

Es waren einmal zwei Schwestern, die lebten mit ihrem Vater an einem großen See. Eines Tages befiel den Vater eine seltsame Krankheit und niemand konnte ihn heilen. Die Töchter riefen alle Ärzte des Landes herbei, aber keiner fand ein Heilmittel. Ganz zum Schluss kam ein alter Arzt ins Haus der sagte:

„Für diese Krankheit gibt es nur ein einziges Heilmittel. Findet einen blauen Fisch mit einem goldenen Kopf. Wenn ihr ihn tötet und seinen Körper auf Eueres Vaters Herz legt, dann wird er wieder gesund.“

Da lief die jüngere Tochter zum See, sprang hinein und suchte so lange, bis sie einen blauen Fisch mit einem goldenen Kopf gefangen hatte. Als sie ihn aus dem Wasser hob, sah sie, dass der Fisch wunderschön war. Und auf einmal öffnete der Fisch sein Maul und sagte: „Töte mich nicht, denn ich bin der Vater der Fische. Wenn du mich tötest, tötest du zehntausend andere Fische mit.“

Da erschrak die jüngere Tochter und brachte es nicht übers Herz, den schönen Fisch zu töten. Sie ließ ihn los und er sprang wieder ins Wasser. Aber er drehte sich noch einmal um und sagte: „Zum Dank verrate ich dir, dass es nur ein einziges Heilmittel für deinen Vater gibt: Finde einen gelben Frosch mit einem goldenen Kopf. Wenn du ihn tötest und seinen Körper auf Eueres Vaters Herz legst, dann wird er wieder gesund.“

Da lief die jüngere Tochter am Ufer entlang und suchte so lange, bis sie einen gelben Frosch mit einem goldenen Kopf gefangen hatte. Als sie ihn aus dem Gras hob, sah sie, dass der Frosch wunderschön war. Und auf einmal öffnete er sein Maul und sagte: „Töte mich nicht, denn ich bin der Vater der Frösche. Wenn du mich tötest, tötest du tausend andere Frösche mit.“

Da erschrak die jüngere Tochter und brachte es nicht übers Herz, den schönen Frosch zu töten. Sie ließ ihn los und er sprang wieder ins Wasser. Aber er drehte sich noch einmal um und sagte: „Zum Dank verrate ich dir, dass es nur ein einziges Heilmittel für deinen Vater gibt: Finde eine rote Libelle mit einem goldenen Kopf. Wenn du sie tötest und ihren Körper auf Eueres Vaters Herz legst, dann wird er wieder gesund.“

Da lief die jüngere Tochter am Ufer entlang und suchte so lange, bis sie eine rote Libelle mit einem goldenen Kopf gefangen hatte. Und wie sie die zappelnde Libelle in ihrer Hand hielt, da sah sie, dass das Tier wunderschön war. Und auf einmal sagte die Libelle: „Töte mich nicht, denn ich bin der Vater der Libellen. Wenn du mich tötest, tötest du hundert andere Libellen mit.“

Da erschrak die jüngere Tochter und brachte es nicht übers Herz, die schöne Libelle zu töten und ließ sie wieder in die Lüfte fliegen. Aber die Libelle drehte sich noch einmal um und sagte: „Zum Dank verrate ich dir, dass es nur ein einziges Heilmittel für deinen Vater gibt: „Gehe in die Berge und finde einen bunten Vogel mit einem goldenen Kopf. Wenn dieser Vogel singt, dann fällt ihm bei jedem Ton eine Blume aus dem Schnabel. Bringe Deinem Vater eine solche Blume und lege sie auf sein Herz, dann wird er wieder gesund.“

Da lief die jüngere Tochter nach Hause, um sich ein Bündel zu packen, mit dem sie in die Berge wandern konnte. Ihre Schwester aber hatte sie schon ungeduldig erwartet.

„Und? Hast du den blauen Fisch mit dem goldenen Kopf gefangen?“ fragte sie.

Da erzählte die jüngere Tochter von dem Fisch und dem Frosch und der Libelle.

„Was bist du für ein dummes Ding!“, schalt die ältere Schwester. „Lässt unseren Vater beinahe sterben nur wegen des Geschwätzes der Tiere!“

Da zog die jüngere Schwester bekümmert fort in die Berge, um den bunten Vogel mit dem goldenen Kopf zu suchen.

Die ältere aber lief zum See, sprang hinein, fing den blauen Fisch mit dem goldenen Kopf und tötete ihn. Dem Vater ging es daraufhin ein wenig besser, aber er war immer noch sehr krank.

Da lief sie wieder zum See und sagte: „Pah, ich sehe nicht einen einzigen toten Fisch und schon gar nicht zehntausend. Der Fisch hat gelogen!“

Dann fing sie den gelben Frosch mit dem goldenen Kopf und tötete ihn. Da ging es dem Vater noch ein wenig besser, aber er war immer noch sehr krank. Und sie lief wieder zum See und sagte: „Pah, ich sehe nicht einen einzigen toten Frosch und schon gar nicht tausend. Der Frosch hat gelogen!“

Und dann fing sie die rote Libelle mit dem goldenen Kopf und tötete sie. Dem Vater ging es ein wenig besser, aber er war immer noch sehr krank.

Als nach langer Wanderung und vielen Entbehrungen endlich die jüngere Schwester heimkam und vier Blüten vom bunten Vogel mit dem goldenen Kopf brachte, erkannte sie ihre Heimat kaum wieder.

Es herrschte eine Fliegenplage und die Menschen hungerten, weil kein einziger Fisch mehr im See war.

Schnell brachte sie dem Vater eine Blüte und als er sie auf dem Herzen spürte, war er auf einmal wieder ganz gesund.

Und als die jüngere Tochter erfuhr, dass die Schwester den Fisch, den Frosch und die Libelle getötet hatte, sagte sie: „Was hast du nur getan? Ohne die Fische haben wir nichts zu essen und ohne die Frösche und Libellen frisst niemand die Fliegen.“

Die Schwester aber rief trotzig: „Es war nicht ein einziger toter Fisch oder Frosch im See.“

„Natürlich nicht“, antwortete die Jüngere, „dies waren ja die Väter von all denen, die jetzt nicht geboren worden sind!“

Und sie lief schnell zum See und warf alle anderen Blüten vom bunten Vogel mit dem goldenen Kopf in das Wasser. Und bald kehrte das Leben in den See zurück und es gab wieder Fische und Frösche und Libellen.

Die Schwestern und ihr Vater aber lebten noch lange an seinen Ufern und waren glücklich und zufrieden.

 

 

Widum woanders