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Zen lehrt nichts,
es ermöglicht uns nur,
aufzuwachen und bewusst zu werden.
Es lehrt nicht, es zeigt.
(Zen-Weisheit)

Die Prinzessin mit den goldenen Haaren

Es war einmal eine Königstochter, deren Haar eine wunderschöne goldene Farbe hatte. Die Königin bestellte allerlei Zofen und Dienerinnen, die nur die Aufgabe hatten, das goldene Haar ihrer Tochter zu frisieren. Und mit den Jahren wurde ihr Haar so lang, dass es sich zweimal um den Thron der Prinzessin legen ließ. Es wurde so lang, dass sieben Diener es tragen mussten, wenn die Prinzessin durch den Schlossgarten spazierte. Und es wurde so lang, dass es sich nicht mehr entwirren ließ. Trotz aller Bemühungen der Zofen, verknotete und verfilzte das Haar der Prinzessin immer mehr.

Als die Königstochter zu einer jungen Frau herangewachsen war, hing nur noch ein dicker goldener Klumpen an ihrem Kopf. Die Prinzessin weinte und tobte und schimpfte mit ihren Zofen, aber sie konnten ihr Haar nicht kämmen.

Da ließ der König im ganzen Land ausrufen, dass derjenige, der es fertigbrächte, der Prinzessin goldenes Haar zu entwirren, sie zur Frau bekommen würde.

Nun strömten Jünglinge aus aller Herren Länder herbei, die ihr Glück versuchen wollten. Aber auch die besten Barbiere, die fleißigsten Kammerdiener und erfindungsreichsten Bader brachten es nicht zuwege, das goldene Haar der Prinzessin zu entwirren.

Eines Tages kam ein Jüngling auf der Walz in das Königreich und hörte von dem verknoteten Haar der Prinzessin und dem Angebot des Königs. Sofort machte er sich auf in den Palast und bat darum, sein Glück versuchen zu dürfen.

Er trat in Anwesenheit des versammelten Hofstaats vor die Prinzessin und erkannte ihre Not.

„Ich werde Euch helfen, meine schöne Braut“, sagte er. Und flugs nahm er eine Schere aus seinem Bündel und schnitt die Haare der Prinzessin einfach ab.

Der verfilzte Klumpen fiel zu Boden, die Prinzessin riss die Augen auf und ein Aufschrei ging durch den Hofstaat.

Wutentbrannt riss der König dem Jüngling die Schere aus der Hand, ließ ihn ergreifen und in den tiefsten Kerker sperren.

Nachdem sie aber von ihrem Haar befreit worden war, wurde die Königstochter von einer Krankheit heimgesucht. Kein Arzt vermochte ihr Leiden zu lindern. Tagein tagaus saß sie in ihrem Gemach und alles, was sie noch gern tat war, ihr goldenes Haar zu kämmen.

Und so vergingen viele Jahre. Schließlich wurden der König und die Königin alt und starben. Und als die Prinzessin, schwach und krank, die verlassenen Gemächer ihrer Eltern betrat, fand sie in einer Truhe die Schere des Jünglings, der ihr einst das verfilzte Haar abgeschnitten hatte. Sie rief ihren Diener und befahl ihm, den Gefangenen zu ihr zu bringen, so er denn noch lebte.

Der ehemalige Jüngling, der fast sein ganzes Leben im Kerker gefristet hatte, trat vor die gealterte Prinzessin und erkannte ihre Not.

Er setzte sich zu ihr, schaute sie an und sagte: „Ich werde Euch helfen, meine schöne Braut.“

Da musste die Prinzessin so lachen, dass im ganzen Palast alle ihre Arbeit liegen ließen und diesem ungewohnten Klang lauschten.

Und so war die Prinzessin geheilt und ehelichte spät aber dennoch ihren versprochenen Bräutigam und erfüllte noch viele Jahre den Palast mit ihrem Lachen.

 

 

Widum woanders